Künstlerische Avantgarden streben nach der Entgrenzung und Überschreitung der Kunst ins Gesellschaftliche hinein. Damit stehen sie in der Tradition der Romantik und von Wagners Idee des Gesamtkunstwerks. Die Avantgarden der 1910er bis 1930er Jahre – Futurismus, russische Avantgarde, Surrealismus – verbanden sich eng mit zeitgenössischen politischen Strömungen. Die Neo-Avantgarden der 1960er/70er Jahre knüpften mit Materialassemblagen, Happenings und institutionskritischen Ansätzen an die Entgrenzungsideale der historischen Avantgarden an. Die Postmoderne brachte eine anti-avantgardistische Wende, doch auch heute wird – etwa von Jonathan Meese oder Christoph Schlingensief – das avantgardistische Ideal des Gesamtkunstwerks weiterhin verfolgt. Gleichzeitig hat mit der Philosophie von Jacques Rancière eine post-avantgardistische Konzeption des Politischen der Kunst Einfluss erlangt.
In der Vorlesung geht es um Fragen wie: Was sind die Merkmale von künstlerischen Avantgardebewegungen? Inwiefern ist die Verbindung von Kunst und Politik in der Moderne etwas Ungewöhnliches? Wieso konnten die italienischen Futuristen den Faschismus und die russischen Futuristen die bolschewistische Oktoberrevolution begrüßen und sich trotzdem beide als Teil derselben Bewegung begreifen? Worin besteht das Neue der Neo-Avantgarden der 1960er Jahre? Kann es heute noch Avantgarden geben oder ist das Scheitern der Avantgarde an ihrem gesellschaftlichen Gestaltungsanspruch zwangsläufig? Gibt es eine post-avantgardistische Politik der Kunst und wie sehen deren künstlerische Praxen aus?
Anrechenbarkeit: Zeitgenössische Kunst; Zyklus III; Cultural Studies.
