Durchleben, Durcharbeiten. Politik und Erfahrung im Werk von Friedl Dicker-Brandeis
Das Projekt untersucht das Werk der jüdischen Architektin, Designerin, Künstlerin und Pädagogin Friedl Dicker-Brandeis (1898–1944) als politische Praxis unter den Bedingungen der Faschisierung Europas von den frühen 1930ern bis zu ihrer Deportation nach Térezin im Jahr 1942. Ausgangspunkt ist die These, dass sich das Politische in Dickers Arbeiten sowohl als programmatische Position, als auch als historisch situierte, affektiv und materiell strukturierte Erfahrung artikuliert, die mittels Verfahren der Wiederholung, Verschiebung und Montage bearbeitet wird. Im Zentrum steht der Versuch, diese Verfahren als Formen eines künstlerischen „Durcharbeitens“ zu fassen, wobei der psychoanalytische Begriff als analytisches Modell für die Beschreibung der künstlerischen Organisation von Erfahrung dient, in der gesellschaftliche Kräfte nicht bloß repräsentiert, sondern in ihrer konflikthaften Einschreibung in Subjektivität und Wahrnehmung bearbeitet werden. Das Projekt versteht damit die politische Dimension der historischen Avantgarden nicht so sehr über die Frage ihrer instrumentellen Einbindung in gesellschaftliche Produktions- und Organisationslogiken, sondern entwickelt mit Blick auf Friedl Dicker-Brandeis eine Perspektive, in der künstlerische Praxis als Form der Vergesellschaftung und Heteronomisierung von Kunst weniger auf Unmittelbarkeit oder Effektivität, sondern auf eine prozesshafte Umarbeitung gesellschaftlicher Realität über Wahrnehmungs- und Bedeutungsstrukturen zielt.
Diese Perspektive wird in der Dissertation anhand von drei Werkkomplexen konkretisiert: Erstens werden Dickers Fotocollagen und Montagen der frühen 1930er Jahre im Kontext von Arbeiter*innenbildung, kommunistischer Kulturarbeit und sexualreformerischen Debatten in Wien und Berlin analysiert, mit besonderem Fokus auf die Verbindung von Montageverfahren mit einer künstlerischen Kritik sozialer Reproduktion. Zweitens wird Dickers Auseinandersetzung mit politischer Ikonografie in ihrer Malerei nach ihrer Emigration in die Tschechoslowakei, sowie ihrer brieflichen Korrespondenz im Kontext der zunehmenden Einschränkungen ihrer Handlungsspielräume als Reflexionsraum über existenzielle Destabilisierung untersucht. Drittens werden Dickers späte Landschaftsdarstellungen als Versuche gelesen, entgegen der faschistischen Naturalisierung von Landschaft diese als historisch produzierte Konstellation von Arbeit, Materialität und Wahrnehmung zu konzipieren.