Die Abteilung Kunstgeschichte trauert um Peter Gorsen (1933-2017)

Peter Gorsen war maßgeblich am Aufbau und der Einrichtung der Lehrkanzel (ab 1976/77) bzw. des Lehrstuhls für Kunstgeschichte (ab 1997) beteiligt. Diesen hatte er bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2002 inne. Er prägte die kunsthistorische Lehre an der Angewandten nachhaltig methodisch und inhaltlich und eröffnete einer ganzen Generation an Studierenden neue Denk- und Forschungsfelder.

Peter Gorsen war ein außergewöhnlicher, international höchst renommierter Denker, der neue Forschungsgebiete an den Randgebieten der Kunstgeschichte erschlossen hat. Nach eigener Beschreibung war er Kunst- und Mentalitätshistoriker. Er hat grenzüberschreitende Lehre und Forschung über Kunst und Psychiatrie bzw. Tiefenpsychologie, Kunst und Sexualwissenschaft, Geschlechterbilder und (Trans)Gender Studies, Outsider-Kunst, Art Brut und Abject Art unternommen und forschte zum Wiener Aktionismus ebenso wie zur Kunsttherapie. In diesen Kontexten hat er zahlreiche Bücher und Texte publiziert. 

Geboren 1933 in Danzig, wurde Peter Gorsen 1966 bei Theodor W. Adorno und Jürgen Habermas mit der Dissertation Zur Phänomenologie des Bewußtseinsstroms. Bergson, Dilthey, Husserl, Simmel und die lebensphilosophischen Antinomien. Abhandlungen zur Philosophie, Psychologie und Pädagogik in Frankfurt promoviert. Es folgten, bald in mehrere Sprachen übersetzt, Das Prinzip Obszön. Kunst, Pornographie und Gesellschaft (1969) sowie, mehrfach aufgelegt, Sexualästhetik. Zur bürgerlichen Rezeption von Obszönität und Pornographie (1972) und Maskulin – Feminin (1972, mit Anita Albus, Franz Böckelmann, Bazon Brock, Peter Hazel, E. Hazel und Rita Mühlbauer). 1974/75 erarbeitete er eine umfangreiche Erfassung der proletarischen Kultur in Sowjetrussland (Proletkult, 1975).

Gorsen gehörte zu den ersten Akademikern im deutschsprachigen Raum, die sich der feministischen Kunstgeschichte widmeten, mit Seminaren zur „Frauenkunstgeschichte“ an der Angewandten ab 1975, die in das Buch Frauen in der Kunst mündeten (1980, mit Gislind Nabakowski und Helke Sander). Zusätzlich zur Lehre an der Angewandten beteiligte er sich rege an Diskussionen in kunst- und gesellschaftspolitischen Fragen und war langjähriger Kunstkritiker der FAZ. 1997 war er an der Konzeption der Ausstellung „Kunst und Wahn“ im Kunstforum Wien beteiligt (Katalogbuch, gemeinsam mit Ingried Brugger und Klaus Albrecht Schröder). Den Komplex seiner Forschung zu Körperbildern in der Literatur und Kunst der Moderne beschloss die Publikation Jenseits der Anatomie. Marionette und Übermensch im Werk von Kleist und Bellmer (2001).

Nach seiner Emeritierung im Jahr 2002 blieb Peter Gorsen ein prominenter Kritiker und Diskussionspartner und publizierte auch weiterhin unermüdlich in den von ihm erarbeiteten Forschungsgebieten. 2009 verfasste er, auch als Zeitzeuge und theoretischer Kommentator des Aktionismus, den Rückblick Das Nachleben des Wiener Aktionismus: Interpretationen und Einlassungen seit 1969 (2009). Seinen vermutlich letzten öffentlichen Auftritt hatte er bei der von Manuela Ammer und Kerstin Stakemeier konzipierten Konferenz „Aber etwas fehlt. But something’s missing.“ Marxistische Kunstgeschichte zwischen Möglichkeit und Notwendigkeit am Wiener mumok im Vorjahr. Aus Krankheitsgründen konnte er nur per Videoaufzeichnung zugeschaltet werden, doch ließen seine fesselnden, fast 120minütigen Ausführungen das Übertragungsformat völlig vergessen und führten zu angeregten Diskussionen. Bis zuletzt stand er, in gewohnter intellektueller Schärfe und Offenheit, als Briefpartner für den wissenschaftlichen Austausch in aktuellen Fragen des Fachs zur Verfügung.

Peter Gorsen ist in der Nacht vom 8. zum 9. November 2017 nur wenige Tage vor seinem 84. Geburtstag in Wien verstorben. Wir übermitteln seiner Familie unsere Betroffenheit und Trauer und werden ihn als Austauschpartner und ehemaligen Kollegen vermissen.