Ausstellung

Leonor Antunes discrepancies with W.W. (in company)

26. März – 4. Juli 2026, Universitätsgalerie der Angewandten

In ihrer Ausstellung „discrepancies with W.W. (in company)” in der Universitätsgalerie der Angewandten im Heiligenkreuzerhof in Wien kombiniert Leonor Antunes ihre eigenen künstlerischen Arbeiten mit Objekten und Stoffen von Designer:innen der Wiener Werkstätte und der ehemaligen k. k. Kunstgewerbeschule aus den Beständen von Kunstsammlung und Archiv der Universität für angewandte Kunst Wien.

Leonor Antunes’ Interesse an den historischen Entwicklungen und maßgeblichen Protagonist*innen der Kunst, des Handwerks, des Designs und der Architektur des 20. Jahrhunderts bildet den konzeptionellen Bezugsrahmen für ihre künstlerische Arbeit; zugleich versteht sie ihre Arbeiten als Hommage an Designerinnen, die im modernistischen Kanon häufig übersehen oder marginalisiert wurden. Dies bildet den Hintergrund für ihre tiefgehenden Recherchen, die jedoch nicht auf einer historischen und theoretischen Ebene verbleiben, sondern einen engen Austausch mit professionellen Handwerker*innen umfassen, um weitere sowie neue Wege und Methoden für den Umgang mit bestimmten Materialien in ihren Kunstwerken zu erlernen und zu entwickeln. Antunes' umfangreiches Wissen sowie ihr Archiv an Materialien fließen in ihre eigenen Skulpturen und Installationen in denen sie Materialien wie Seil, Holz, Leder und Messing integriert, stetig ein. Der Raum und die Situation eines Ausstellungsraums sind dabei für die Künstlerin von größter Bedeutung. Der Boden und die Decke sowie die Lichtquelle, sei sie natürlich oder künstlich, spielen eine ebenso große Rolle wie die ausgestellten Objekte. Antunes: „Ich glaube fest daran, dass Kunst in einem Kontext existiert, daher sehe ich [meine Skulpturen] nicht außerhalb der Räume, in denen sie existieren.“

In Bezug auf Wien hat sich Antunes in der Vergangenheit mit den Wiener Werkstätten, den Werken der Schweizer Künstlerin und Designerin Sophie Taeuber-Arp (1889–1943) und der österreichischen Malerin, Grafikerin und Textildesignerin Felice Rix-Ueno (1893–1967) beschäftigt. Bei ihrer Recherche in den Sammlungen des Instituts Kunstsammlung und Archiv konzentrierte sich Antunes auf Künstlerinnen und Designerinnen wie etwa Gudrun Baudisch, Rosa Bonom, Friedl Dicker-Brandeis, Mathilde Flögl, Lilly Jacobsen, Erika Giovanna Klien, Felice Rix-Ueno, Hilda Schmid-Jesser, Maria Strauss-Likarz, Margarete Schütte-Lihotzky oder Vally Wieselthier. Nach sorgfältiger Auswahl von Objekten dieser Künstlerinnen wie Keramik- und Glasvasen und anderen Gefäßen, Kleinmöbeln sowie Stoffen mit geometrischen Mustern hat Antunes ein speziell entwickeltes, visuell vielschichtiges Ausstellungssystem entworfen, das kleinere Inseln im Raum bildet. Grundlage hierfür ist ein Stuhl, der von der französischen Architektin und Designerin Charlotte Perriand (1903–1999) nach einem Arbeitsaufenthalt in Japan in den frühen 1940er Jahren entworfen wurde. Damit verweist Antunes auf die Verbindung zwischen japanischem Kunsthandwerk und der Wiener Werkstätte, der Felice Rix-Ueno bis 1930 angehörte. Rix-Ueno war sowohl in Kyoto als auch in Wien tätig. In den 1920er und 1930er Jahren hatte sie nur zeitweise in Japan gelebt, bevor sie sich 1949 ganz niederließ und bis zu ihrem Tod 1967 dort lebte.

Antunes' Ausstellungssystem besteht aus Holzelementen, Latten und runden Stangen, die sie nach Bedarf dekonstruiert, anpasst und erweitert. Die alltägliche Funktion des Stuhls als Sitzgelegenheit wird dadurch auf vielfältige Weise in einen Sockel, eine Wand und eine Aufhängevorrichtung verwandelt. Weitere Ausstellungselemente sind Tatami-Matten, die die Künstlerin integriert oder zu geometrischen Podesten arrangiert. Darauf ausgestellt sind Objekte aus der Sammlung, die in Antunes‘ Arbeiten aus der Serie „Sophie” (2024) integriert sind und die ihre Inspiration in Zeichnungen, Perlentaschen und Halsketten von Sophie Taeuber-Arp finden. Verschachtelte, geometrisch gemusterte Glasperlenstränge unterschiedlicher Dicke und Länge verflechten sich mit vertikalen weißen Stahlstangen. Diese Stangen wiederum finden ihre Entsprechung in Antunes’ Leuchten, die gerade von der Decke hängen. Diese Vertikalität findet sich auch in Antunes' Stehlampen mit dem Titel „Olga“, einer Serie, die sie 2005 begann und die nach ihrer Tochter benannt ist. Zwei Röhren sind ineinander platziert: Die äußere Hülle besteht aus Plexiglas und entspricht Olgas Größe, während die innere, undurchsichtige, farbige Röhre Antunes' Größe repräsentiert. Jedes Jahr gestaltet die Künstlerin eine neue Version, die Olgas Wachstum und der von ihr gewählten Farbe entspricht.

Antunes’ übergeordnetes Ziel für ihre Ausstellung „discrepancies with W.W. (in company)” in der Universitätsgalerie der Angewandten im Heiligenkreuzerhof ist es, ihre eigenen künstlerischen Arbeiten mit bestimmten Objekten aus Kunstsammlung und Archiv der Universität für angewandte Kunst Wien in einen Dialog zu bringen und dabei das insgesamt eigenwillige Interieur des Heiligenkreuzerhofs zu berücksichtigen. Hier treffen mehrere, sehr spezifische Ebenen von Zeitlichkeit, Form und Materialität aufeinander und regen zum Nachdenken über die Codes der Darstellung und des Häuslichen, über Modernismus und Abstraktion, Zeitgenossenschaft und Synchronizität an. Leonor Antunes beansprucht damit für sich eine interdisziplinäre Freiheit, die sie in den wegweisenden künstlerischen Praktiken des frühen 20. Jahrhunderts findet und uns vielleicht daran erinnert, dass die Vergangenheit auch immer in der Gegenwart lebt.

Biografie der Künstlerin
Leonor Antunes (geb. 1972 in Lissabon, Portugal; lebt und arbeitet in Lissabon und Berlin) studierte zunächst 1992/1993 an der Escola Superior de Teatro e Cinema in Lissabon. 1993 schloss sie ihr Studium der Bildenden Kunst und Bildhauerei an der Fakultät für Bildende Kunst der Universidade de Lisboa ab und ging 1998 an die Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Karlsruhe, Deutschland. Ihre Arbeiten wurden weltweit in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen gezeigt. Ihre jüngste Einzelausstellung war „the constant inequality of leonor’s days*” im CAM-Centro de Arte Moderna Gulbenkian, Lissabon, Portugal in 2025. Weitere fanden statt wie folgt: Fruitmarket, Edinburgh, Schottland (2023), Serralves Foundation, Porto, Portugal (2022); MUDAM, Luxemburg (2020); MASP, São Paulo Museum of Art, Brasilien (2019); Museo Tamayo, Mexiko-Stadt, Mexiko (2018); Hangar Bicocca, Mailand, Italien (2018); Whitechapel Gallery, London (2017); San Francisco Museum of Modern Art, Kalifornien (2016); CAPC Bordeaux, Frankreich (2015); New Museum, New York (2015); Kunsthalle Basel, Schweiz (2013); und dem Museo Reina Sofia, Madrid, Spanien (2011). Antunes vertrat den portugiesischen Pavillon auf der Biennale in Venedig, Italien, im Jahr 2019 und nahm an der 58. und 57. Biennale in Venedig (2019 und 2017), der 12. Sharjah Biennale, Vereinigte Arabische Emirate (2015), und der 8. Berlin Biennale (2014) teil.

Leonor antunes sophie and franca detail 2024 nick ash a5 1 0x1000 v full
Leonor Antunes, „Sophie and Franca” (Detail), 2024, Foto von Nick Ash, Courtesy die Künstlerin
Universitätsgalerie der Angewandten

Heiligenkreuzerhof, Stiege 8, 1. Stock, 1010 Wien
Zugang über Schönlaterngasse 5 / Grashofgasse 3, 1010 Wien

Öffnungszeiten

Mittwoch–Samstag, 14:00–18:00
An Feiertagen geschlossen

Kuratiert von

Julienne Lorz